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12.12.2017

Deutschlandfunk

Pressemeldung

"Den Jamaika-Abbruch verdauen"

Christoph Dammermann
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Christoph Dammermann
Deutschlandfunk berichtet über Gänseessen der Kölner FDP
Traditionell lädt die FDP im Kölner Westen am Ende des Jahres zum Gänseessen ein. Am Essen lag es nicht, dass es an diesem Abend einiges zu verdauen gab. Denn auch im Kreisverband Köln, einem der größten der Liberalen bundesweit, wirkt der Abbruch der Sondierungsgespräche noch nach.

Der offizielle Teil war fast vorüber, als Dagmar Fegge doch noch ihre Chance bekam:

"Wie soll ich eigentlich all meinen Freuenden, die ich davon überzeugt habe, FDP zu wählen, jetzt erklären, was da passiert ist. Ich bekomme also sehr viele negative Rückmeldungen, eine Mischung aus enttäuscht und entsetzt, dass es ausgerechnet die FDP war, die aus dieser Jamaika-Koalition ausgetreten ist."

Gemurmel im Publikum, die Mehrheit hier denkt anders. Fegge, 68 Jahre alt, eine rothaarige, elegante Dame, Typ herzlich-zupackend, ist seit über zehn Jahren FDP-Mitglied. Mit vier Freundinnen ist sie an diesem Abend ins Landhaus Kuckuck gekommen, zum jährlichen Gänseessen der FDP-Lindenthal. Der Kreisverband Köln ist einer größten der Liberalen bundesweit – und das Interesse groß: Exakt 102 Menschen haben sich angemeldet, darunter auch zwei Vegetarier. Die Frauen tragen Kostüm, manchmal sehr viel Schmuck, die Herren Krawatte, Anstecknadeln verschiedener Bedeutungen, Seidenschal – oder alles zusammen.

"Die FDP im Kölner Westen macht hier ein traditionelles Gänseessen, wo sie einen Ehrengast einlädt. Klaus Kinkel war schon da, Guido Westerwelle, Christian Lindner, und hier kommen dann sozusagen die Mitglieder zusammen und können dann Freunde und Bekannte mitbringen, um die FDP kennenzulernen."

Erklärt Ulrich Breite, Organisator und Geschäftsführer der FDP-Ratsfraktion in Köln. Ein liberaler Basistermin also, ganz Klischee, zwischen Glasvitrinen mit Zigarren, Sektempfang auf rotem Teppichboden und festlich eingedeckten Tischen – Stuhlhussen inklusive.

"Es geht ja heute um die Landesregierung und die neue Politik. Darum haben wir Staatssekretär Christoph Dammermann aus dem Wirtschaftsministerium. Aber es wird sicherlich auch andere Themen geben."

Bloß nicht Umfaller-Partei sein

Breite lächelt, vielleicht weiß er es auch schon besser, denn ein paar Schritte weiter, beim nächsten Stehtisch, blickt man ein paar Tage zurück …

"Die Entscheidung fand ich ausgesprochen positiv und nachvollziehbar und ich denke, dass da alles richtig gemacht worden ist, aus Sicht der FDP."

Der Tenor: Bloß nicht Umfaller-Partei sein, Prinzipien aufgeben, wie eben 2009 unter Guido Westerwelle oder – noch viel früher, 1961, als die FDP, trotz anderslautender Aussage im Wahlkampf, doch einer Bundesregierung unter Konrad Adenauer beitrat.

"Also, das hätte Westerwelle damals schon machen müssen. Der hätte, sag mal, mindestens nach der Hälfte der Laufzeit sagen müssen: Ne, da mache ich jetzt nicht weiter mit."

Der Mann, etwa Mitte 70, steht am Eingang, trägt Sakko, Weste, gelbe Krawatte. Seit über 40 Jahren ist er in der FDP – und hält Prinzipien für wichtig:

"Es ist ja auch jetzt so: Lindner hat, ein bisschen zu meiner Enttäuschung, bereits in den Koalitionsvorgesprächen, war er bereit, auf die Forderung nach einer Steuerreform, zu verzichten, zugunsten einer Regierung. Das hätte ich nicht gemacht. Das zeigt aber, wie weit er bereit war, eine solche Regierung zu unterstützen."

An einem Stehtisch am Rande des Raumes, wo es etwas ruhiger ist, erzählt ein älterer Mann, dass er dem Parteivorsitzenden geschrieben habe:

"Ich habe ihn beglückwünscht zu dem Ausstieg."
"Ja."
"Aber ich habe auf der anderen Seite gesagt: Strategisch war der Ausstieg beschissen."
"Er war zu spät."
"60 Leute in einem Saal? Da hätte ich gesagt: Geht gar nicht, geht gar nicht."

Nicken am Tisch.

"Die Grünen sind das ja, die dann gekommen sind und haben immerzu Forderungen, die dann eventuell schon abgehakt waren, noch mal Forderungen nachgeschoben."

Lindner muss sich keine Gedanken um Rückhalt machen

Wieder nicken und die feste Überzeugung: Das hätte alles sowieso nichts Vernünftiges gegeben. Um Rückhalt muss sich Lindner, der am kommenden Wochenende auf dem Landesparteitag den Landesvorsitz in NRW abgeben wird, an diesem Tisch also keine Gedanken machen, wobei …

"Das Einzige, was ich nicht so gut fand, dass die immer auf dem Balkon gestanden haben und so getan haben, als wäre alles Friede, Freude, Eierkuchen. Und der Kubicki küsst der doofen Göring-Eckhardt noch die Hand. Am Anfang."

"Das ist Anstand."

Vorbei, Schwamm drüber. Doch auch beim anschließenden Essen geht es an den 14 Tischen um den Abbruch der Sondierungsgespräche – und die FDP. Der Vortrag des liberalen Wirtschaftsstaatssekretärs Christoph Dammermann über die neue NRW-Landespolitik – ist eher nebensächlich. Stattdessen: Witzeleien über eine potenzielle Neuwahl. Man blickt also nach vorne. Bis, ja bis eben Dagmar Fegge zum Abschluss des Abends noch einmal eine Antwort will – vom liberalen Staatssekretär aus NRW:

"Jamaika. Das ist gut, dass das hier nochmal zur Frage kommt, weil es ja viele bewegt."

Kein Abbau des Solidaritätszuschlags, fehlendes Vertrauen, keine Kompromisse – Staatssekretär Dammermann müht sich zu erklären, weshalb die FDP ausgestiegen ist, doch es fällt schwer – und der Abend im Landhaus Kuckuck endet. Ob Fegge nun schlauer ist?

"Nein, keiner Müh. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich meinen Freundinnen erklären soll, dass sie noch mal FDP wählen sollen."

Fegge wirkt ratlos. Das Verdauen, es dauert also noch, doch an der Gans lag es nicht:

"Das Essen war gut, aber ich esse auch zuhause gut und nage nicht am Hungertuch. Ich hätte mir mehr Diskussion gewünscht und weniger einen Vortrag, der relativ zäh war, also nach meinem Dafürhalten."

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