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27.04.2012
Kölner Stadt- Anzeiger
Pressespiegel
Der liberale Messias
Vielen Liberalen gilt er als Erretter: Christian Lindner, 33 Jahre jung, hatte zu Beginn des Wahlkampfs eine fast unmögliche Mission übernommen - als Spitzenkandidat soll er die FDP wieder in den Landtag führen. Eines hat er schon geschafft: Die Basis hat er mobilisiert, und in Umfragen legen die Liberalen deutlich zu
Von Simon Müller
Der Erretter ist ein höflicher Mensch, außerdem begleitet ihn ein Kamerateam. Am Kölner Neumarkt wird er dennoch nicht gleich erkannt. "Wer ist das?", fragt ein alter Mann, der ihn als Erster aus dem schwarzen Reisebus mit den dunklen Scheiben steigen sieht. "Deine Lieder gefallen mir", ruft ein Obdachloser, eine Bierflasche in der Hand. Jetzt wird der Erretter schon mit einem Rockstar verwechselt. Er gibt den beiden Unwissenden die Hand und sagt: "Guten Tag, ich bin Christian Lindner."
Erretter, das ist natürlich ein großes Wort. Christian Lindner würde sich selbst nie so bezeichnen. Er soll ja nicht die Menschheit retten. Nur die FDP.
Am Neumarkt hat die Partei einen gelben Container und eine Bühne für ihn aufstellen lassen. Es gibt gratis Kölsch, und eine Sängerin tritt auf. Sie singt "Simply The Best". Eher kein Zufall. Als die Sängerin Lindner sieht, ruft sie: "Da ist er!" Lindner tritt ans Mikrofon und fängt an, wie er fast immer seine Reden in diesem Wahlkampf anfängt: "Liebe Bürgerinnen und Bürger, Sie haben jetzt die Macht wieder in Ihren Händen." Das Mikrofon quietscht. Der Mann am Mischpult hinter der Bühne dreht an den Reglern. Das Quietschen bleibt. Lindner muss fast schreien: die Neuverschuldung senken, das Gymnasium erhalten und bessere Bedingungen für die Industrie im Land schaffen. Das seien seine Wahlkampf-Themen.
Vielleicht hundert Leute sind jetzt vor der Bühne stehen geblieben. Auch der Obdachlose ist wieder da, jetzt ohne Bierflasche. Er hat sich direkt vor Lindner gestellt. Der Mann, den er eben noch für einen Sänger hielt, steigt von der Bühne zu ihm herab.
"Ihr seid nicht für die Armen", sagt der Obdachlose. "Doch, sind wir auch." "Da hör ich nie was." "Wir sind schon für die Armen, wir wollen, dass die wieder Arbeit bekommen."
Der Mann erzählt, dass er ja nicht mal eine Wohnung habe. Seine alte sei abgebrannt. "Wir haben hier Leute, die können Ihnen helfen", sagt Lindner und ruft eine Kölner Parteikollegin herbei. Während sie dem Obdachlosen zuhört, wendet Lindner sich einem älteren Ehepaar zu, das über Mietnomaden klagt.
"Der Herr Lindner hat Charisma", sagt die Frau nach dem Gespräch. "Ein ehrbarer Mensch. Jemand, den man wählen kann", sagt ihr Ehemann. Von dieser Sorte habe die FDP ja nicht mehr viele. Ob Lindner es in den Landtag schaffe? Schwer zu sagen.
Mindestens fünf Prozent der Stimmen bräuchten die Liberalen dafür. In Umfragen kamen sie vor ein paar Wochen nicht mal auf zwei. In dieser Not wurde Christian Lindner zum Spitzenkandidat gemacht. Nun würden immerhin schon vier Prozent der Wähler für die FDP stimmen, hat eine Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag des "Kölner Stadt-Anzeiger" ergeben. Tendenz steigend.
Mit Lindner haben die Liberalen jemanden, an den sie glauben können. Sie haben aber noch immer ein Problem: Philipp Rösler.
Wie ein Schatten liegt der Name des FDP-Chefs über dem Wahlkampf von Christian Lindner. Obwohl der die Nähe zu Rösler möglichst ausblenden will. "Ich bin jetzt Landespolitiker. Ich möchte über Nordrhein-Westfalen reden", sagt er, wenn man ihn nach dem Bundesvorsitzenden fragt. Er ahnt, dass ihm jede Verbindung mit Rösler, mit dem Symbol für den Kurs der in Berlin dahinsiechenden FDP, nur schadet.
In Bonn lässt sich der Zusammenhang nicht vermeiden. Nicht bei diesem Termin. Es ist der bisher einzige gemeinsame Auftritt von Lindner und Rösler im Wahlkampf. Sie haben sich zum öffentlichen Kaffeetrinken in einem Restaurant auf dem Münsterplatz verabredet. Es gehört sich ja so vor Landtagswahlen, dass der Bundesvorsitzende mal vorbeischaut.
Außenminister Guido Westerwelle, Fraktionschef Gerhard Papke und Ex-Parteichef Klaus Kinkel sind auch gekommen. Der Tisch nebenan ist für das BKA reserviert.
Wieder hat die FDP eine Sängerin engagiert - und einen Saxofonisten, der während seiner Soli gekonnt die Augen zukneift.
So recht kommt jedoch keine Atmosphäre auf, was auch daran liegt, dass mehr als 400 Menschen in das Restaurant drängen. Die Veranstaltung wird deshalb nach draußen verlegt. So viele Leute kommen zu den Liberalen, dass kein Platz mehr ist. Ein hübscher Effekt.
Guido Westerwelle spricht draußen als Erster. Nur ganz kurz zur Begrüßung, wie er ankündigt, er habe nämlich im Flugzeug seine Stimme verloren. Es werden dann doch mehr als 20 Minuten. Lindner und Rösler stehen daneben.
Es ist eine merkwürdige Szene: Vor einem Jahr noch hatten die beiden gemeinsame Sache gemacht gegen Westerwelle, ihn als Parteivorsitzenden gestürzt. Rösler übernahm die Nachfolge. Über ein vielversprechendes Tandem schien die FDP da zu verfügen, mit Philipp Rösler als Parteichef und Christian Lindner als Generalsekretär. Doch es kam zum Bruch - und Lindner trat zurück. Jetzt in Bonn geben sich die beiden größte Mühe, einander nicht einmal anzuschauen. Es gelingt.
Als Westerwelle endlich seine Rede beendet hat, spricht Lindner. 16 Minuten lang. Vor allem über die Finanzen, die es in Ordnung zu bringen gelte. "Das ist das neue Denken der FDP über NRW hinaus", sagt Lindner. Eine klare Ansage an den Parteichef. Rösler nimmt sie hin, ins Leere starrend. Ein Zustand knapp vor der Selbsthypnose.
Zum Schluss lädt Lindner die Leute ein, mit reinzukommen. "Auf eine Tasse Kaffee", wie er sagt. Das geht leider nicht, weil ein Security-Mann mit schwarzem Anzug und gelber Krawatte die Tür zum Restaurant versperrt. Sicherheitsgründe.
Also kommt Lindner wieder heraus. Posiert mit Jurastudenten für Fotos, schreibt ein Autogramm mit Widmung ("Für Kirsten") und weist die Huldigung eines Mannes mit Gelfrisur und Steppjacke zurück: "Ihre Rede hat mich beeindruckt. Ihre geschliffene Rhetorik."
"Danke", sagt Lindner, "aber die Positionen sind wichtiger."
Das ist Lindners Credo in diesem Wahlkampf. Dass es ihm auf Themen ankomme. Immer wieder betont er das. "Es geht nicht um die Karrieren von Hannelore Kraft, Norbert Röttgen und mir. Es geht um wichtige Entscheidungen für Nordrhein-Westfalen. Bei uns finden Sie deshalb keine Plakate mit Kindern oder Welpen." Die Leute lachen an dieser Stelle häufig.
Ansonsten aber haben sie wenig zu lachen bei Lindners Reden. Er macht fast nie Scherze. Er lächelt selten. Auch nicht auf seinen Plakaten, auf denen tatsächlich weder Kinder noch Tiere auftauchen. Stattdessen immer: Christian Lindner. Gestikulierend, erklärend. Betont seriös. Es ist ihm ernst, sollen diese Plakate zeigen.
Er ist auch keiner, der in Fußgängerzonen auf Passanten zugeht, sie festhält, in Gespräche verwickelt und zum Abschied in den Arm nimmt.
So viel Zurückhaltung kann höflich wirken. Aber auch kalt.
Wie auf einem Marktplatz in Mülheim an der Ruhr, wo Lindner mitsamt Entourage zwischen den Verkaufsständen hindurchmarschiert. "Was ist denn hier los?", entfährt es einer älteren Dame am Gemüsestand. Lindner reagiert nicht. Er geht einfach an der Frau vorbei. "Ich will die Leute nicht behelligen und so tun, als wären sie Freunde", sagt der Spitzenkandidat später. "Das wäre distanzlos."
Wie unter Freunden, zumindest aber Gleichgesinnten, scheint sich Lindner bei einem Besuch im Kölner Betahaus zu fühlen. Das ist ein "Coworking-Space". Die moderne Variante einer Bürogemeinschaft. Freiberufler können sich hier einen Platz an den schicken, langen Holzschreibtischen mieten. Für einen Tag oder mehrere Monate. Es gibt Drucker, Scanner und ein Konferenzzimmer.
"Hi zusammen", sagt Lindner, als er den hellen Raum betritt. Und da fällt einem ein, dass dieser Mann, der sich schon seit fast zwei Jahrzehnten in der Politik engagiert, ja doch erst 33 Jahre alt ist.
Von zwei Jungunternehmern, die mit Notebooks und Kopfhörern an einem der Tische sitzen, lässt er sich erklären, warum sie hier sind. "Das ist eine super Location für uns, weil wir hier so gut connected sind." Ihr Start-up, eine Internetseite mit der sich frei verfügbare Lieder finden lassen, sei "gerade so richtig vorm Abheben".
Lindner - der mit Anfang 20 selbst mal ein Internet-Unternehmen gegründet hat - will mehr wissen: wie das Geschäftsmodell aussieht und die Finanzierung. Er benutzt jetzt Wörter wie: "Elevator Pitch". Das meint eine kurze Präsentation, die mögliche Investoren von einer Geschäftsidee überzeugen soll.
Dann unterbricht Lindner abrupt: "Wir quatschen uns hier fest." Der Spitzenkandidat muss weiter. Termine. Er verabschiedet sich. Im Gehen schwärmt er noch von der "kreativen Atmosphäre" dieses Ortes, von "Wirtschaft 2.0".
Die Jungunternehmer widmen sich wieder ihren Notebooks. "Ganz entspannt", habe Christian Lindner gewirkt, sagt der eine. "Nur die Partei ist Katastrophe."
Der Erretter ist ein höflicher Mensch, außerdem begleitet ihn ein Kamerateam. Am Kölner Neumarkt wird er dennoch nicht gleich erkannt. "Wer ist das?", fragt ein alter Mann, der ihn als Erster aus dem schwarzen Reisebus mit den dunklen Scheiben steigen sieht. "Deine Lieder gefallen mir", ruft ein Obdachloser, eine Bierflasche in der Hand. Jetzt wird der Erretter schon mit einem Rockstar verwechselt. Er gibt den beiden Unwissenden die Hand und sagt: "Guten Tag, ich bin Christian Lindner."
Erretter, das ist natürlich ein großes Wort. Christian Lindner würde sich selbst nie so bezeichnen. Er soll ja nicht die Menschheit retten. Nur die FDP.
Am Neumarkt hat die Partei einen gelben Container und eine Bühne für ihn aufstellen lassen. Es gibt gratis Kölsch, und eine Sängerin tritt auf. Sie singt "Simply The Best". Eher kein Zufall. Als die Sängerin Lindner sieht, ruft sie: "Da ist er!" Lindner tritt ans Mikrofon und fängt an, wie er fast immer seine Reden in diesem Wahlkampf anfängt: "Liebe Bürgerinnen und Bürger, Sie haben jetzt die Macht wieder in Ihren Händen." Das Mikrofon quietscht. Der Mann am Mischpult hinter der Bühne dreht an den Reglern. Das Quietschen bleibt. Lindner muss fast schreien: die Neuverschuldung senken, das Gymnasium erhalten und bessere Bedingungen für die Industrie im Land schaffen. Das seien seine Wahlkampf-Themen.
Vielleicht hundert Leute sind jetzt vor der Bühne stehen geblieben. Auch der Obdachlose ist wieder da, jetzt ohne Bierflasche. Er hat sich direkt vor Lindner gestellt. Der Mann, den er eben noch für einen Sänger hielt, steigt von der Bühne zu ihm herab.
"Ihr seid nicht für die Armen", sagt der Obdachlose. "Doch, sind wir auch." "Da hör ich nie was." "Wir sind schon für die Armen, wir wollen, dass die wieder Arbeit bekommen."
Der Mann erzählt, dass er ja nicht mal eine Wohnung habe. Seine alte sei abgebrannt. "Wir haben hier Leute, die können Ihnen helfen", sagt Lindner und ruft eine Kölner Parteikollegin herbei. Während sie dem Obdachlosen zuhört, wendet Lindner sich einem älteren Ehepaar zu, das über Mietnomaden klagt.
"Der Herr Lindner hat Charisma", sagt die Frau nach dem Gespräch. "Ein ehrbarer Mensch. Jemand, den man wählen kann", sagt ihr Ehemann. Von dieser Sorte habe die FDP ja nicht mehr viele. Ob Lindner es in den Landtag schaffe? Schwer zu sagen.
Mindestens fünf Prozent der Stimmen bräuchten die Liberalen dafür. In Umfragen kamen sie vor ein paar Wochen nicht mal auf zwei. In dieser Not wurde Christian Lindner zum Spitzenkandidat gemacht. Nun würden immerhin schon vier Prozent der Wähler für die FDP stimmen, hat eine Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag des "Kölner Stadt-Anzeiger" ergeben. Tendenz steigend.
Mit Lindner haben die Liberalen jemanden, an den sie glauben können. Sie haben aber noch immer ein Problem: Philipp Rösler.
Wie ein Schatten liegt der Name des FDP-Chefs über dem Wahlkampf von Christian Lindner. Obwohl der die Nähe zu Rösler möglichst ausblenden will. "Ich bin jetzt Landespolitiker. Ich möchte über Nordrhein-Westfalen reden", sagt er, wenn man ihn nach dem Bundesvorsitzenden fragt. Er ahnt, dass ihm jede Verbindung mit Rösler, mit dem Symbol für den Kurs der in Berlin dahinsiechenden FDP, nur schadet.
In Bonn lässt sich der Zusammenhang nicht vermeiden. Nicht bei diesem Termin. Es ist der bisher einzige gemeinsame Auftritt von Lindner und Rösler im Wahlkampf. Sie haben sich zum öffentlichen Kaffeetrinken in einem Restaurant auf dem Münsterplatz verabredet. Es gehört sich ja so vor Landtagswahlen, dass der Bundesvorsitzende mal vorbeischaut.
Außenminister Guido Westerwelle, Fraktionschef Gerhard Papke und Ex-Parteichef Klaus Kinkel sind auch gekommen. Der Tisch nebenan ist für das BKA reserviert.
Wieder hat die FDP eine Sängerin engagiert - und einen Saxofonisten, der während seiner Soli gekonnt die Augen zukneift.
So recht kommt jedoch keine Atmosphäre auf, was auch daran liegt, dass mehr als 400 Menschen in das Restaurant drängen. Die Veranstaltung wird deshalb nach draußen verlegt. So viele Leute kommen zu den Liberalen, dass kein Platz mehr ist. Ein hübscher Effekt.
Guido Westerwelle spricht draußen als Erster. Nur ganz kurz zur Begrüßung, wie er ankündigt, er habe nämlich im Flugzeug seine Stimme verloren. Es werden dann doch mehr als 20 Minuten. Lindner und Rösler stehen daneben.
Es ist eine merkwürdige Szene: Vor einem Jahr noch hatten die beiden gemeinsame Sache gemacht gegen Westerwelle, ihn als Parteivorsitzenden gestürzt. Rösler übernahm die Nachfolge. Über ein vielversprechendes Tandem schien die FDP da zu verfügen, mit Philipp Rösler als Parteichef und Christian Lindner als Generalsekretär. Doch es kam zum Bruch - und Lindner trat zurück. Jetzt in Bonn geben sich die beiden größte Mühe, einander nicht einmal anzuschauen. Es gelingt.
Als Westerwelle endlich seine Rede beendet hat, spricht Lindner. 16 Minuten lang. Vor allem über die Finanzen, die es in Ordnung zu bringen gelte. "Das ist das neue Denken der FDP über NRW hinaus", sagt Lindner. Eine klare Ansage an den Parteichef. Rösler nimmt sie hin, ins Leere starrend. Ein Zustand knapp vor der Selbsthypnose.
Zum Schluss lädt Lindner die Leute ein, mit reinzukommen. "Auf eine Tasse Kaffee", wie er sagt. Das geht leider nicht, weil ein Security-Mann mit schwarzem Anzug und gelber Krawatte die Tür zum Restaurant versperrt. Sicherheitsgründe.
Also kommt Lindner wieder heraus. Posiert mit Jurastudenten für Fotos, schreibt ein Autogramm mit Widmung ("Für Kirsten") und weist die Huldigung eines Mannes mit Gelfrisur und Steppjacke zurück: "Ihre Rede hat mich beeindruckt. Ihre geschliffene Rhetorik."
"Danke", sagt Lindner, "aber die Positionen sind wichtiger."
Das ist Lindners Credo in diesem Wahlkampf. Dass es ihm auf Themen ankomme. Immer wieder betont er das. "Es geht nicht um die Karrieren von Hannelore Kraft, Norbert Röttgen und mir. Es geht um wichtige Entscheidungen für Nordrhein-Westfalen. Bei uns finden Sie deshalb keine Plakate mit Kindern oder Welpen." Die Leute lachen an dieser Stelle häufig.
Ansonsten aber haben sie wenig zu lachen bei Lindners Reden. Er macht fast nie Scherze. Er lächelt selten. Auch nicht auf seinen Plakaten, auf denen tatsächlich weder Kinder noch Tiere auftauchen. Stattdessen immer: Christian Lindner. Gestikulierend, erklärend. Betont seriös. Es ist ihm ernst, sollen diese Plakate zeigen.
Er ist auch keiner, der in Fußgängerzonen auf Passanten zugeht, sie festhält, in Gespräche verwickelt und zum Abschied in den Arm nimmt.
So viel Zurückhaltung kann höflich wirken. Aber auch kalt.
Wie auf einem Marktplatz in Mülheim an der Ruhr, wo Lindner mitsamt Entourage zwischen den Verkaufsständen hindurchmarschiert. "Was ist denn hier los?", entfährt es einer älteren Dame am Gemüsestand. Lindner reagiert nicht. Er geht einfach an der Frau vorbei. "Ich will die Leute nicht behelligen und so tun, als wären sie Freunde", sagt der Spitzenkandidat später. "Das wäre distanzlos."
Wie unter Freunden, zumindest aber Gleichgesinnten, scheint sich Lindner bei einem Besuch im Kölner Betahaus zu fühlen. Das ist ein "Coworking-Space". Die moderne Variante einer Bürogemeinschaft. Freiberufler können sich hier einen Platz an den schicken, langen Holzschreibtischen mieten. Für einen Tag oder mehrere Monate. Es gibt Drucker, Scanner und ein Konferenzzimmer.
"Hi zusammen", sagt Lindner, als er den hellen Raum betritt. Und da fällt einem ein, dass dieser Mann, der sich schon seit fast zwei Jahrzehnten in der Politik engagiert, ja doch erst 33 Jahre alt ist.
Von zwei Jungunternehmern, die mit Notebooks und Kopfhörern an einem der Tische sitzen, lässt er sich erklären, warum sie hier sind. "Das ist eine super Location für uns, weil wir hier so gut connected sind." Ihr Start-up, eine Internetseite mit der sich frei verfügbare Lieder finden lassen, sei "gerade so richtig vorm Abheben".
Lindner - der mit Anfang 20 selbst mal ein Internet-Unternehmen gegründet hat - will mehr wissen: wie das Geschäftsmodell aussieht und die Finanzierung. Er benutzt jetzt Wörter wie: "Elevator Pitch". Das meint eine kurze Präsentation, die mögliche Investoren von einer Geschäftsidee überzeugen soll.
Dann unterbricht Lindner abrupt: "Wir quatschen uns hier fest." Der Spitzenkandidat muss weiter. Termine. Er verabschiedet sich. Im Gehen schwärmt er noch von der "kreativen Atmosphäre" dieses Ortes, von "Wirtschaft 2.0".
Die Jungunternehmer widmen sich wieder ihren Notebooks. "Ganz entspannt", habe Christian Lindner gewirkt, sagt der eine. "Nur die Partei ist Katastrophe."
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