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07.05.2011

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Meldung

Die „unbeirrbar Integrierte“

Necla Kelek
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Necla Kelek
Necla Kelek in Köln

Der in Köln wohnhafte Publizist Ralph Giordano bezeichnete sie einmal als die „unbeirrbar Integrierte“. Anfang April war die Sozialwissenschaftlerin, Publizistin und Bürgerrechtlerin Dr. Necla Kelek zu Gast in der Dom-Stadt. Im Renaissance-Köln-Hotel referierte und diskutierte sie zum Thema „Integration und Integrationspolitik in Deutschland – Befunde und Perspektiven“. Natürlich spielte die Rolle des politischen Islam und damit das Prinzip Freiheit in der orientalischen Community in den Darlegungen der aktuellen Freiheitspreisträgerin der Stiftung eine zentrale Rolle.

Zunächst würdigte sie allerdings verschiedene Etappen erfolgreicher Integration in Deutschland. Das gelte sowohl für die polnischen Arbeiterfamilien zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als auch für die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten nach dem zweiten Weltkrieg und die „Gastarbeiter“ aus Südeuropa und Asien seit den sechziger Jahren. Problematischer sei es mit den Migranten aus den islamischen Ländern, dabei - angesichts der Größe - insbesondere aus der Türkei.

Kelek weiß, wovon sie redet. 1966 kam sie als neunjährige gebürtige Istanbulerin nach Deutschland. Eine kleine anrührende Geschichte erhellt die ganze Komplexität eines bis heute währenden Problems, das den Islam nicht als Glaube in den Mittelpunkt der Kritik stellt, sondern als politische Weltanschauung. Sie eröffnete seinerzeit ihrer Mutter gegenüber, dass sie auch gerne in den Genuss von individueller Freiheit kommen möchte. Die Mutter entgegnete: „Freiheit ist nicht für uns Frauen gemacht, sondern eher für die Männer.“ Dahinter verbirgt sich das Verständnis, dass Männer im öffentlichen Raum agieren und Frauen im privaten und dass man als Frau im Sinne der westlichen Freiheiten schutzlos, mithin „vogelfrei“ sei.

Hier setzt Keleks Fundamentalkritik an patriarchalischen, religionsdogmatischen Einschränkungen individueller Freiheit in islamischen Communities (in Deutschland) an. Sie spricht nicht von Parallelgesellschaften, sondern dezidiert von „Gegengesellschaften“, die über die Jahre entstanden seien und in denen nicht nur Zwangsheiraten, sogenannte „Ehrenmorde“, ausufernde Sozialleistungen, Ghettoisierungen und Kriminalitätsgrade das Problemfeld umreißen, sondern auch ethnisch-familiäre Nischenwirtschaften mit prekären Arbeitsverhältnissen sowie Kopftuchzwang und Absonderung (weibliches Fernbleiben vom Schwimmunterricht) in den Schulen.

Ein Vater, der lieber 20.000 € für die Hochzeit seiner Tochter ausgibt (in Duisburg-Marxloh soll es 60 türkische Hochzeitsläden geben!), als 2.000 € in ihre Ausbildung zu investieren, folgt traditionellen Verhaltensmustern und verhindert Mündigkeit und Integration.

Was den Abend mit Necla Kelek so gewinnbringend macht, ist ihre tiefe intellektuelle Verwurzelung in den Imperativen der bürgerlichen Aufklärung, der demokratischen Moderne und der freiheitlichen Individualrechte des Grundgesetzes. Hier erteilt eine deutsch-türkische Verfassungspatriotin, gläubige Muslima und engagierte Frauen- und Bürgerrechtlerin postmoderner Multi-Kulti-Beliebigkeit und -Gleichgültigkeit auf dem Gebiet der Integrationspolitik eine überzeugende Abfuhr.

Grundgesetz und Rechtsstaat gewähren Migranten unvergleichliche, in den Herkunftsländern weithin unbekannte Chancen. Dafür müsse im Gegenzug der „Geist der Gesetze“, also der Wertekanon individueller Freiheiten und Pflichten, nachweisbar verinnerlicht und durch tätiges Handeln nach außen dokumentiert werden. Dies könne nicht durch gewohnheitsmäßige Abschottung und Ausnutzung wohlfahrtsstaatlicher Fehlanreize geschehen, sondern nur durch zügige und forcierte Integration in Schulalltag, Arbeitsmarkt und gesellschaftliches Leben insgesamt. Konkret heißt dies – obligatorisch: sprachliche Früherziehung, Ganztagsschulen, möglicherweise Migranten-Quoten im Sozialdienst.

„Mädchen vor dem 14. Lebensjahr mit dem Kopftuch in die Schule zu schicken“, so Frau Kelek wörtlich, „hat für mich nichts mit Religionsfreiheit oder dem Recht der Eltern auf Erziehung zu tun, sondern ist ein Verstoß der durch das Grundgesetz garantierten Menschenwürde und des Diskriminierungsverbots“. Sie spricht in diesem Zusammenhang übrigens auch von „religiöser Apartheit“.

Frau Keleks Ausführungen wurden natürlich kontrovers diskutiert. Da meldete sich eine Dame türkischer Herkunft, die Frau Kelek vorhielt, ihr Land zu beleidigen, und da wurde kritisch gefragt, ob Frau Kelek ihre markanten Positionen auch vor einem überwiegend islamisch geprägten Publikum vertreten würde.

Insgesamt war der Abend eine Werbung für die liberale politische Bildung, weil wider die unsägliche political correctness in unserem Land Freiheits- und Verantwortungs-Prinzipien des Grundgesetzes (und der klassischen Moderne!) gegenüber regel-ignoranter Verzagtheit und Gleichgültigkeit zu Ehren gebracht wurden. Der Leiter des Regionalprogramms NRW ließ es sich in seinen Schlussworten nicht nehmen, Frau Kelek sowohl für ihr freiheitlich-aufklärerisches Engagement wie auch für ihre Prinzipienfestigkeit im Sinne der „Wehrhaftigkeit der Demokratie“ zu danken. Chapeau!

Klaus Füßmann - Leiter Regionalprogramm NRW

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