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28.03.2010

jung & liberal

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Interview mit dem Politikberater Dr. Marco Althaus

Torsten Tücks, Mitglied der Bezirksvertretung Mülheim
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Torsten Tücks, Mitglied der Bezirksvertretung Mülheim
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Torsten Tücks, Mitglied der Bezirksvertretung Mülheim
J&L: Ursprünglich stand das Wort „Politikberatung“ für einen Wissenstransfer von der Hochschule in die politische Praxis. Mit der Medialisierung der Wahlkämpfe und einer immer größer werdenden Landschaft von politischen Akteuren hat sich auch das Arbeitsfeld verändert. Was ist ihre Definition von Politikberatung?

Dr. Althaus: Politik lässt sich in vielen Formen und in Politikfeldern beraten. Wenn Sie von wissenschaftlicher Politikberatung sprechen, dann gibt es die in Technik und Naturwissenschaft, in der Ökonomie, im Recht und in der Sozialforschung. Worauf Sie zusteuern, ist eher Politikberatung als genuin politische Beratung. Dabei geht es um Politikmanagement, politische Kommunikation sowie Interessenvertretung. Das wurde in der Tat früher nicht als Politikberatung verstanden - aus welchen Gründen auch immer. Obwohl diese Beratung eine sehr lange Tradition hat. Relativ neu sind die Kommerzialisierung und die Professionalisierung.

Im Kontext mit dem Begriff Politikberatung hört man auch Worte wie „Public Affairs“ und „Government Relations“. Ebenso sind die Adressatenkreise breit. In welchen Tätigkeitsfeldern und Dimensionen arbeitet die Politikberatung?

Politikberatung heißt nicht nur Beratung von Politikern, sondern auch von anderen Akteuren, die im politischen Prozess aktiv sind. Die Begriffe stammen aus internationalen Großunternehmen, deren Geschäftsumfeld stark vom politischen Rahmen, von Regulierung und inzwischen auch öffentlicher Meinung geprägt wird. „Public Affairs“ heißt öffentliche Angelegenheiten, in die sich Unternehmen einmischen. Inzwischen reden davon aber auch Mittelständler und Non-Profit-Organisationen. Was die Berater da machen, kann sehr unterschiedlich sein - von der Themenbeobachtung und Mitarbeit in der Geschäftsstrategieentwicklung bis zur Unternehmenskommunikation und auf das gesellschaftliche Umfeld zielende Maßnahmen bis hin zur Lobbyarbeit. Mal ist das mehr von Medien geprägt, mal von Institutionen und Recht oder von Organisations- und Gruppenbeziehungen.

Wenn man diese Spektren gedanklich abfährt stellt sich unweigerlich die Frage, wie viel Beratung braucht Politik und wo sind die Grenzen?

Gegenfrage: Wie viel Unternehmensberatung braucht ein Unternehmen? Wie viel Managementberatungbrauchtein Manager? Das hängt doch vom Problem ab, das zu lösen ist. An Problemen mangelt es uns nicht, da ist immer Beratungsbedarf. Ein Berater ist meistens genau das, er gibt Ratschläge oder formuliert Problemlösungen. Entscheiden wird ein anderer. Allerdings gibt es auch Leute, die gleichzeitig Berater und Ausführende sind. Ein guter Ministerialbeamter, ein Parteigeschäftsführer oder Verbandschef beispielsweise kombiniert beides. Wo ist die Grenze? Wenn wir über externe Berater von Politikern reden, dann wird es dann brenzlig, wenn sich der Politiker die Entscheidung abnehmen lässt.

Was sehen Sie denn als Experte, als DEN größten Fehler in diesem Bundestagswahlkampf an?

Mangelnde Ehrlichkeit der SPD, zur Großen Koalition zu stehen und einen Regierungswahlkampf zu führen. Ich mochte die Große Koalition auch nicht, aber die SPD hatte ja rechnerisch und politisch keine glaubwürdige Alternative. Mit der scharfen Abgrenzung zur FDP hat sie sich alle sozialliberalen und Ampel-Möglichkeiten verbaut. Die „neue Mitte“ hat die SPD inzwischen komplett vergrault. Das ist aber nicht nur ein Wahlkampffehler, sondern geht ans Eingemachte der Parteien. Da hilft auch Beratung an der Spitze nichts. Technisch und taktisch gesehen, waren die Parteien eigentlich alle sehr experimentierfreudig, insbesondere bei Web 2.0 und neuen Veranstaltungsformen. Dabei sind auch jede Menge Fehler gemacht worden, klar, aber es gibt jetzt eine gute Erfahrungsbasis. Dazu gehört auch, dass man mit ein bisschen Twittern kein Obama-Fieber erzeugen kann, wenn die Wahl als solche die Leute nicht elektrisiert.

Werfen wir einen Blick über den großen Teich. Was machen die Amerikaner anders, oder umgekehrt: was können wir von ihnen lernen?

In den USA gibt es Hunderte von Consulting- Firmen, die sehr professionell politische Kampagnen planen oder Spezialgebiete managen können. Die Parteien sind als Organisationen sehr schwach. Es wird viel gewählt, die Kandidaten müssen ihre Wahlkämpfe selbst finanzieren, und bei den Summen, um die es da geht, ist professionelles Management absolut notwendig. Allein auf der Bundesebene sind 2007-2008 von Kandidaten und Parteien rund zwei Milliarden (sic!) Dollar ausgegeben worden, in den ganzen USA, mit Landes- und Kommunalebene und mit den privaten Organisationen vermutlich rund vier Milliarden Dollar. Das ist ein Riesenmarkt für Profis, das hat mich damals bei dem Buch fasziniert. Lernen kann man natürlich viel, solange man sich mit dem gesellschaftlichen und politischen Kontext beschäftigt und die Unterschiede im Auge behält. Die meisten deutschen Besucher interessieren sich allerdings nur für technische Innovationen, Slogans und Organisationskonzepte. Was ich ganz interessant finde, ist, wie lange der Transfer doch dauert. Wieso das „Townhall Meeting“ erst 2009 zu einem Standardevent geworden ist, obwohl das in den USA seit Ewigkeiten ein festes Format ist, ist erstaunlich. Der Amerikanisierung stehen de facto enorme Beharrungskräfte und Traditionen entgegen. Das liegt absolut nicht nur am Geld.

Sie haben sich sehr jung in dieser Branche etabliert. War das ein Vorteil oder eher ein Nachteil?

Lustige Frage. Gehöre ich schon zum Establishment? Ich bin als Berater heute nur nebenberuflich tätig. Überwiegend bin ich Beobachter der Szene. Es gibt aber in der Tat viele Leute zwischen 30 und 45, die als Politikberater sehr erfolgreich sind. Die degepol (Deutsche Gesellschaft für Politikberatung) besteht überwiegend aus Gleichaltrigen. Vor fünf oder zehn Jahren hatten die alle nur einen Anzug von C&A und einen zerknitterten Schlips, heute wirken viele gesetzt und leiten einen Riesenladen. Da ist viel passiert. Die Aufbruchstimmung der externen Beratungsfirmen ist allerdings auch in eine Konsolidierung übergegangen. Was die Frage nach dem Alter angeht: Wie in allen Beratungstätigkeiten gibt es Vorbehalte gegen ganz Junge, vor allem gegen junge Wichtigtuer, und davon gibt es in der Politik natürlich genug. Das ist auch bei McKinsey und Roland Berger so, der Kunde will, wenn es um heikle Strategiefragen geht, den abgeklärten, souveränen Seniorberater mit Bauch, Bart, Glatze und Titel. Darüber ärgern sich Jüngere. Am Ende geht es aber um Beratungspersönlichkeit, die wachsen muss. Beratung ist oft eine sehr persönliche Dienstleistung. Unter Politikberatern gibt es eine Menge struppige und eigenständige Typen, und das ist auch gut so. Dann ist auch das Alter nicht so wichtig. Mir ist aufgefallen, dass einige Veteranen sich gezielt junge Talente als Juniorpartner aufbauen. Einige der besten jungen Berater hatten lange Zeit einen Mentor oder eine Mentorin. Ich denke, wenn man kann, sollte man sich einen suchen.

Eine gute Ausbildung ist wichtig, um fundierte Kenntnisse über den Beruf zu erhalten. Gibt es Studiengänge und Traineeships?

Naja, schon, aber wir sind noch weit entfernt von festen Berufsbildern und Kompetenzrastern. Traineeships sind so eine Sache, da wird oft mehr versprochen als gehalten wird. Nur einige wenige Beratungsgesellschaften und Verbände bemühen sich um eine Systematisierung und strategische Personalentwicklung. Der Direkteinstieg in eine Agentur, die Public Affairs-Beratung und politische Kommunikation anbietet, ist ganz sicher ein Weg für manche, aber kein Königsweg. Ein junger Jurist kann in einer guten Kanzlei ebenso zum Politikberater werden wie ein Naturwissenschaftler in einem Institut oder ein Sozialwissenschaftler in einem Think Tank. Und für einen Politiker zu arbeiten, ist sowieso gut. Bei den Studiengängen hat der Bologna- Prozess viele neue Möglichkeiten an den Hochschulen geschaffen, Management und Kommunikation spielen im Politikstudium heute eine größere Rolle. Mit dem Bachelor zur großen Nummer in der Politikberatung ist aber die Ausnahme. Es ist typisch für die Professionalisierung, dass die Lehr- und Lernwege lang sind und immer noch auf ganz viel Erfahrung bauen. Ein Fachstudium ist als gezielte Weiterbildung auf Master-Niveau am sinnvollsten, wenn man schon einen Unterbau hat, einen Bachelor als Grundausbildung plus einige Jahre Erfahrung in Politik, Wirtschaft, Recht oder Kommunikation. Dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, bei der ein guter Weiterbildungs-Master hilfreich ist, ohne dass man aus dem Beruf aussteigt. An meiner Hochschule bereiten wir gerade einen berufsbegleitenden Master-Studiengang für Public Affairs Management vor, der sich vorwiegend auf die Tätigkeit bei Unternehmen und Wirtschaftsverbänden konzentriert. Es gibt aber auch Studiengänge, die andere Schwerpunkte setzen.

Welche Eigenschaften muss man in dieser Branche haben?

Man braucht vertiefte Kenntnisse der Mechanismen der Politik in Bund, Ländern und der EU, einen sicheren Umgang mit politischen Entscheidern und gesellschaftlichen Gruppen, Verhandlungssicherheit, interne und externe Beratungskompetenz. Sie benötigen ausgezeichnete analytische Fähigkeiten und müssen in der Lage sein, sich in rasch wechselnde, komplexe Themen einzuarbeiten, zügig, verständlich und prägnant Entscheidungsvorlagen zu formulieren. Sie müssen Werkzeuge der strategischen Kommunikation beherrschen, um die Dynamik der öffentlichen Meinung zu nutzen und Krisen zu vermeiden. Sie müssen Projekte auch international koordinieren und verantwortlich handeln. Wenn Sie wirtschaftsnah arbeiten wollen, benötigen Sie zudem fundierte Kenntnisse von Wirtschaftspolitik, betrieblichen Erfolgsfaktoren und Wertschöpfungsketten - denn PA-Spezialisten arbeiten mit allen Unternehmensfunktionen zusammen und müssen die Sprache der Betriebswirtschaft sprechen. In anderen Bereichen der Politikberatung brauchen Sie auch Spezialwissen, das können sehr unterschiedliche Inhalte sein. Zudem haben z.B. Nonprofit-Organisationen oder politische Institutionen auch eine ganz andere Kultur als Unternehmen. Dieser Kontext der Organisationskultur ist extrem wichtig. Nicht jeder kann sich in jedem Kontext wohlfühlen und gut beraten.

Abschließend: Alle reden über die Krise. Wie beurteilen sie die Zukunftschancen des Berufes als Politikberater?

Krisen sind eigentlich gut fürs Geschäft. Wer Angst um die Zukunft hat, will Rat. Da mache ich mir nicht so viele Sorgen. Wahr ist allerdings, dass das Geld für Beratung, die man nicht dringend braucht, nicht mehr so locker sitzt. Die Berater müssen im Übrigen aufpassen, dass sie nicht selbst Krisen auslösen. Darum ist die Weiterentwicklung des professionellen Selbstverständnisses und der ethischen Standards ebenso wichtig wie Selbstdisziplin und Transparenz.


Das Interview führte Torsten Tücks (Redakteur des jung & liberal).

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