Microsoft-Boss Steve Ballmer trotzt in Köln der großen Krise, zumindest verbal
Der 15-fache Milliardär beschwört eine goldene Software-Zukunft.
Von Christian Bos
Der Mann wurde für den Ring geboren. In Steve Ballmers blauen Augen blitzt Kampfeslust auf, neckisch schießt seine Zungenspitze zwischen den Schneidezähnen hervor. Wie immer, wenn in ihm die Vorfreude auf ein öffentliches Sparring hochkocht. Das dunkelblaue Jackett geöffnet, hält er seine Hände links und rechts am Gürtel, als wäre er ein Pistolero in einer texanischen Grenzstadt und nicht der Chef der des weltgrößten Software-Konzerns. Vor ihm sitzt das vollbesetzte Auditorium der Fachhochschule Köln, NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart hat den Microsoft-Boss als Redner zur Veranstaltungsreihe "Innovation live" geladen. Bei einer Ansprache vor ungarischen Studenten musste sich Ballmer vor einem eierwerfenden Microsoft-Gegner ducken. "Das war nur eine freundliche Unterbrechung", johlte der CEO, als er wieder hinter dem Pult hervorkam.
Seine Kölner Zuhörer zeigen sich dagegen freundlich und erwartungsfreudig. Aber Ballmer braucht Gegner. "Auf dem Weg zum Klo", eröffnet er, "bin ich an einigen Räumen vorbeigekommen, in denen standen Maschinen mit einem Obst-Symbol." Das müsse sich ändern. Wie viele der Anwesenden einen Apple-Rechner haben, will er wissen. Die Handzeichen sind zahlreich. "Und wer nutzt den Internet Explorer?" Die Hände senken sich. "Ich sehe schon", sagt Ballmer, nicht unzufrieden, "wir haben hier noch eine Menge Arbeit vor uns." Seine Stimme überschlägt sich, wie immer, wenn er überzeugen will. Eine Kehlkopfoperation hat der 53-Jährige bereits hinter sich.
Der andere Steve, Apple-Chef Steve Jobs, bemerkte einmal scharfzüngig, das große Problem der Microsoft-Leute sei, dass sie einfach keinen Geschmack hätten. Steve Ballmer ist der personifizierte schlechte Geschmack. Sie nannten ihn "Monkey Boy" und "Bad Boy Ballmer", mit seinen manischen Auftritten wurde der bärbeißige Microsoft-Manager zum König des viralen Videos, als Paul Potts und Susan Boyle noch in ihren Wohnküchen dämmerten.
Die von Abermillionen "Youtube"-Nutzern angeklickten Filmchen zeigen Ballmer, wie er hüpft und sprintet, wie er schreit und kreischt, mit heiserer Stimme "I love this company" ins Mikrofon brüllt, oder 14-mal schnell hintereinander das alles entscheidende Wörtchen "Developers" (gemeint sind Software-Entwickler) rappt, das blaue Hemd schweißgetränkt: "Developers, Developers, Developers, Developers." Das Ballmer-Mantra. Gerade hat ihn das Internationale Werbefestival in Cannes zur "Medienperson des Jahres" gekürt.
Steve Ballmers Leben ist ein Wrestling-Match. Als ein hoher Angestellter ihm eröffnet, dass er zum Konkurrenten Google wechseln werde, soll Ballmer einen Stuhl ergriffen, ihn durch Raum geschleudert und dazu mit Drohgebärde verkündet haben: "I'm going to fucking kill Google". Ballmer bestreit nicht den Vorfall, nur dessen Heftigkeit. Aber die Geschichte entspricht exakt dem Bild, dass sich die Öffentlichkeit von Steve Ballmer macht: Wenn dieser Mann auf Widerstand stößt, dann haut Buddy den Lukas. Aber Ballmer ist geschätzte 15 Milliarden Dollar schwer und die von ihm geleitete Microsoft Corporation konnte im vergangenen Jahr mehr als 60 Milliarden Dollar Umsatz verbuchen. Wie unzurechnungsfähig kann so jemand sein?
In Köln zeigt sich der Software-Boss von seiner netten Seite, schmeichelt, dass er schon seit 1964 regelmäßig die Stadt besuche. Sein in der Schweiz geborener Vater arbeitete damals für Ford in Belgien, eine Tante lebte in Basel, Köln lag auf dem Weg. Und natürlich erzählt er noch einmal den Microsoft'schen Gründungsmythos. Wie Paul Allen eine Anzeige für den Heimcomputer Altair 8800 sah und seinem Studienfreund Bill Gates aufgeregt verkündete: "Wir müssen die gesamte Software für diese Maschinen schreiben." Wie sich Gates eine Auszeit von seinen Studien nahm, um ein ebensolches Basic-Programm zu entwickeln. Und wie er, Steve Ballmer, als Gates' Nachbar im Studentenheim wohnte und sich dachte: "Das ist der klügste Mensch, den ich jemals getroffen habe."
Keine Anekdote ohne Lehre: "Wenn es um Software geht, brauchst du keine Fabrik und keine großen Investments. Die einzige Grenze ist deine Vorstellungskraft." Weder Bill noch er - das unschlagbare Good-Cop-Bad-Cop-Team - hätten mit den gigantischen Ausmaßen gerechnet, die ihre Firma annehmen würde. Developers, Developers, Developers, Developers. Heute verzichtet Ballmer auf sein Mantra, Europäer vertragen nicht die volle Dosis Enthusiasmus.
Stattdessen mahnt Ballmer, die Wirtschaftskrise sei nicht wegzureden und sie werde auch noch ein paar Jahre anhalten. Microsoft, das erwähnt er nicht, wird zum ersten Mal in seiner Firmengeschichte Mitarbeiter entlassen. 5000 sollen gehen. Der Gewinn ist im abgelaufenen Quartal um fast ein Drittel gefallen. Aber in Köln lässt Ballmer schon wieder die Augen funkeln: "Die Krise wird vorbeigehen. Und sie wird uns nicht darin hindern, neue Software zu basteln!" Software, Software, Software, Software. Ballmer preist die Segnungen der programmierten Welt wie ein fahrender Händler seine Wundermedizin, erzählt von Patientenkarteien und von Geschichtsunterricht, von den nächtlichen X-Box-Sessions seines 17-jährigen Sohnes.
Die Beispiele sind so weit gestreut wie PCs mit Microsoft-Betriebssystemen. Und die Lösung für alle Probleme lautet: bessere Software, größere Flatscreens, anschaulichere Simulationen. Größer, schöner, anschaulicher. Die Zukunft strahlt im Licht der Flüssigkristalle: "Der Bildschirm ist das Fenster zur Welt." Steve Ballmers Berufsbild hat sich in den vergangenen 25 Jahren nicht verändert. Er verkauft Windows. Bis er heiser ist.
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