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04.03.2008

Kölnische Rundschau

Pressespiegel

Wie Krawall den Politiker belebt

Gerhart R. Baum
Gerhart R. Baum
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Gerhart R. Baum
Autor Michael Kumpfmüller traf Ex-Innenminister Gerhart Baum

Von Annette Schroeder

"Es hat eine Explosion gegeben. Es ist entsetzlich. Wir stürzen ab": So lautet die SMS, die Selden eines Nachts erhält. Sie stammt von seiner Tochter, die bei einem Flugzeugunglück ums Leben kommt.

Ein starker Auftakt für den neuen Roman "Nachricht an alle" (Kiepenheuer & Witsch, 383 S., 19,95 Euro). Doch Zeit zum Trauern gibt Michael Kumpfmüller seinem Helden nicht: Der ist als Innenminister konfrontiert mit sozialen Unruhen und terroristischer Bedrohung, Medienhatz und und innerparteilichem Hickhack - von den Affären, die der verheiratete Staatsmann pflegt, ganz abgesehen.

"Ein spannendes Buch. Aber es ist ein bisschen viel", urteilte zutreffend Gerhart R. Baum beim lit.Cologne-Abend mit dem Autor im Alten Pfandhaus. "Selden versucht ein Privatleben zu etablieren, aber es ist die Existenz einer deformierten Person, die nie im Ruhezustand ist." Vieles aus seiner Erfahrung in der Politik habe er "in komprimierter Form wiedergefunden", so der Innenminister a.D. (Jg. 1932). Das Terminkorsett, die permanente Überwachung, die vielen Stunden mit der "Ersatzfamilie" im Ministerium - "man führt ein Leben weit entfernt von normalen Zusammenhängen". Das nahm Baum in Kauf, denn "ich hatte eine Vorstellung von Politik, die ich durchsetzen wollte".

Etwas vom Feuer des Kölner Anwalts, der weiter für die Grundrechte streitet und in seinem aktuellen Plädoyer von Moderatorin Ferdos Forudastan kaum zu bremsen war, hätte man sich auch für seinen fiktiven Kollegen gewünscht. Der wirkt als Mischung aus Schily, Schäuble & Co. doch wie ein Technokrat; kein Wunder, dass ihn die Krawalle "beleben", wie Kumpfmüller schreibt: "Er langweilte sich nicht mehr." Ihm fehlen also die Visionen, wie Baum feststellte - was der Münchner Autor (Jg. 1961) gar nicht bestritt.

Die Politik heute sei angesichts der Globalisierung "in der Defensive", so analysierte der Sohn einer bayerischen SPD-Kommunalpolitikerin, der gegen Ressentiments anschreiben wollte. Üblich sei der "verächtliche Blick" auf die Angestellten der Macht. "Gleichzeitig erwartet man, dass die Politik paradiesische Verhältnisse schafft. Das kann sie aber nicht"; und so werden weiter Ressentiments geschürt. "Diese Zombies der Politik in die menschliche Gemeinschaft zurückzuholen - das hat mich interessiert."

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