Köln kann mehr
alle Meldungen »

25.02.2004

Kölner Stadt-Anzeiger

Pressespiegel

„Es geht nur noch um die Stimmungsdroge“

Lange Jahre aktiv im Karneval: Jan Brügelmann
Lange Jahre aktiv im Karneval: Jan Brügelmann
Lange Jahre aktiv im Karneval: Jan Brügelmann
Bild verkleinern
Lange Jahre aktiv im Karneval: Jan Brügelmann
Jan Brügelmann über Entwicklungen und Auswüchse im kölschen Fasteleer

Er ist wie kaum ein anderer dem kölschen Fasteleer verbunden: Jan Brügelmann (82), langjähriger Vorsitzender der „Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums“, vermittelte in dieser Funktion dem organisierten Karneval so manche Anregung, kritisierte aber auch oft die Funktionäre. Mit Brügelmann sprach Carl Dietmar.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Brügelmann, können Sie sich an Ihre erste Prinzenproklamation erinnern?

JAN BRÜGELMANN: Ja, das war 1959, eine schlichte Veranstaltung, in der dem närrischen Volk das Dreigestirn präsentiert wurde.

Und wie fanden Sie die des Jahres 2004?

BRÜGELMANN: Zunächst etwas Grundsätzliches: Die meisten Leute wissen offensichtlich gar nicht, was eine Prinzenproklamation ist - sie glauben, das sei eine normale Sitzung und wollen halt ihren Spaß haben. Zu Ihrer Frage: Das Schlussdrittel war für mein Empfinden etwas zu laut.

Sie sind nun seit 44 Jahren im Verein der „Freunde und Förderer des Kölnischen Volkstums“. Wie bewerten Sie die Entwicklung, die der Karneval in dieser Zeit genommen hat?

BRÜGELMANN: Der Karneval war und ist ein geradezu klassisches Spiegelbild der Gesellschaft und ihrer Lebensumstände. Man vergleiche nur die erste Kappenfahrt 1949 durch das zerstörte Köln mit den an Pracht nicht zu überbietenden Rosenmontagszügen von heute. Oder denken Sie an die ersten, armselig wirkenden, aber doch rührenden Veedelszöch und die heutigen Schull- un Veedelszöch, die sich allmählich zu einer Konkurrenz zu den Rosenmontagszügen entwickeln.

Und wie erleben Sie heute den Sitzungskarneval?

BRÜGELMANN: Da hat sich natürlich am meisten geändert. Bis in die 60er Jahre hinein war auf den Sitzungen das Gefühl zu spüren, „wir sind noch einmal davongekommen“. Der Karneval wurde dankbar als wieder erstandene Lebensfreude empfunden. Die Medien spielten - noch - keine Rolle. Durchweg witzige Büttenredner und Vortragskünstler fanden ein Publikum vor, das bereit war, zuzuhören. Heute produzieren Musikgruppen - von einigen Ausnahmen abgesehen - mit Hilfe von elektronischen Verstärkern mehr Krach als Melodien und bringen, wie es so schön heißt, die Säle zum Kochen. Gehaltvolle Texte oder gar besinnliche Töne, die ja auch zum Karneval gehören, sind leider die Ausnahme.

Stören Sie gewisse Liedtexte?

BRÜGELMANN: Nicht nur die Liedtexte: Ich meine, in anderen Städten sind so manche Entgleisungen wie in Köln nicht zu hören. Man muss wissen, bei welcher Gesellschaft eine Tendenz besteht, „unter die Gürtellinie“ zu gehen. Manche Veranstaltungen sollte man meiden, wenn man Gäste hat, denen man Peinlichkeiten ersparen will. Ich finde aber, dass gewisse, für Zweideutigkeiten bekannte Musikgruppen auf Veranstaltungen des Festkomitee nicht in Erscheinung treten sollten.

Aber die RTL-Sitzung „Kölle Alaaf“ wurde kürzlich von rund sechs Millionen Zuschauern eingeschaltet!

BRÜGELMANN: Als Betrachter hat man den Eindruck, dass viele Besucher permanent klatschen, auf den Stühlen stehen und sich nur bedingt für die Vorgänge auf der Bühne interessieren. Die Bereitschaft, etwa einer Typenrede wirklich zuzuhören, ist nicht mehr vorhanden, es geht nur noch darum, sich die Stimmungsdroge zu geben - wir leben halt in der Spaßgesellschaft.

Sie haben des Öfteren kritisiert, dass die meisten Sitzungen einfach zu lang dauern.

BRÜGELMANN: Sie sind fast immer zu lang, Ende nur sehr selten vor ein, zwei Uhr. Noch gibt es, Gott sei Dank, die kölschen Veedelssitzungen mit kleinem, aber feinem Programm, das von eigenen Vereinen gestaltetet wird. Bei den größeren Gesellschaften herrscht dagegen das Ritual des Programmablaufs, das Kommen und Gehen der Vortragskünstler. Schlimm wird es auch, wenn die Besucher veranlasst werden, nach Anweisung karnevalistische Gymnastik zu betreiben, zu quaken oder winke,winke zu machen, die Hände zum Himmel zu erheben. Kenner flüchten dann rechtzeitig an die Kölschbar im Foyer.

Im Zusammenhang mit der Programmgestaltung sind die Literaten in jüngster Zeit in die Kritik geraten. Ihrer Meinung nach zu Recht?

BRÜGELMANN: Viele Literaten, so hört man, haben eigene Agenturen und sind an überfrachteten Programmen schon allein deswegen interessiert, weil sie an den anfallenden Provisionen verdienen. So jedenfalls der Ehrenbaas des Literatenstammtisches, und der muss es wissen. Da ist das Festkomitee gefragt.

Sehen Sie den Karneval zurzeit in einer Krise?

BRÜGELMANN: Nein, das kann man so nicht sagen. Der Karneval ist und bleibt, wie seit Jahrhunderten, ein Ventil für die Menschen, um einmal in eine andere Haut zu schlüpfen. Es ist die Sehnsucht nach dem zweiten, dem anderen Leben, nach dem Rausch, dem man, auch ohne Alkohol, verfallen kann. Es lohnt sich, das von Geheimrat Goethe unter „Hanswurstiade“ beschriebene Szenario nachzulesen - es gerät schon in eine bedenkliche Nähe des „Außer-Rand-und-Band-Seins“. Doch sollte es sich auf die Karnevalstage beschränken - so meinte es ja auch der Dichterfürst.

Halten Sie diese Beschränkung in unserer von Spaß und Vergnügungen geprägten Gesellschaft überhaupt für möglich?

BRÜGELMANN: Ich glaube kaum. Man sieht es ja daran, dass nach Aschermittwoch unsere Vortragskünstler auf Tour in alle Welt gehen. Und nach kurzer Verschnaufpause gibt es dann wieder eine Fülle von karnevalsähnlichen Vergnügungen, den „Christopher Street Day“, die „Love Parade“, „Halloween“ und den „Ballermann“ für die ganz Unentwegten. Das Festkomitee wird Mühe haben, den Karneval nicht zu einer Las-Vegas-Show verkommen zu lassen. Doch unsere 2000 Jahre alte Stadt ist schon mit ganz anderen Problemen fertig geworden.

Zur Person:
Kirche und Karneval, Kommunalpolitik und Wirtschaft, Kultur und Sport. Die Liste der Aktivitäten von Jan Brügelmann auf Vorchlag seiner Partei, der FDP, zum Bürgermeister der Stadt Köln gewählt. 1984 schied er aus diesem Amt aus. Brügelmann hat sich sehr für den Golfsport eingesetzt und er ist Präsident des Großen Senats des Kölner Karnevals, der den Zuusatz "Heimatverein e. V." trägt. Im Verein der Freunde und Förderer des Kölnischen Volkstums war er lange "der Baas".

vorherige Meldung nächste Meldung

Liberale Webnews

Aktuelle Highlights

Mi., 01.05.2013 Rigoroses Rauchverbot tritt in Kraft Sterck: Wieder kappt Rot-Grün ein Stück Freiheit in NRW
Heute wird traurige Realität, was SPD und Grüne im letzten Jahr beschlossen haben: Das verschärfte Nichtraucherschutzgesetz tritt in Kraft. ... mehr
Di., 30.04.2013 Sensation: Rat beschließt südlichen Teilinbetrieb der U-Bahn CDU, Grüne und FDP machen Weg frei
Ein Wechselbad der Gefühle für alle Befürworterinnen und Befürworter einer vorzeitigen Teilinbetriebnahme des südlichen Teils der ... mehr
Mi., 17.04.2013 FDP bekennt sich zu Historischem Archiv und zur Kunst- und Museumsbibliothek Sterck: Pläne für Neubau dürfen keine Verfügungsmasse werden Ralph Sterck, MdR
In verschiedenen Presseberichten konnte man in den letzten Tagen verfolgen, dass sich die rot-grüne Mehrheit von den aktuellen Plänen für ... mehr

Termin-Highlights


Mi., 22.05.2013, 19:00 bis 22:00 Uhr
Einladung zur KölnKonferenz der FDP
Themen Mobilität, Sicherheit und Wachstum Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde, es ist ...mehr

Mi., 29.05.2013, 18:00 Uhr
Die Zukunft des Deutschen Handwerks
Rainer Brüderle, MdB
Wirtschaftsdialog der FDP-Bundestagsfraktion mit Rainer Brüderle, Christian Lindner u.a. Das deutsche Handwerk ist ein wichtiger ...mehr
Hans H. Stein
Mit Hans H. ...mehr

Politik-Highlights

Ralph Sterck, MdR
Rede des Vorsitzenden der FDP-Fraktion im Rat der Stadt Köln, Ralph ...mehr
Hans H. Stein
Rede des Kreisvorsitzenden Hans H. Stein auf dem Kreisparteitag der Kölner FDP am 16.03.2013 Liebe Parteifreundinnen und ...mehr

Fr., 01.02.2013
Bundestagswahl 2013
Deutscher Bundestag
Hier finden Sie - die Bundestagskandidaten der FDP-Köln Hans H. ...mehr

alle Videos »

Videothek

Nord-Süd-Stadtbahn

Get the Flash Player to see this player.