Bühnen der Stadt Köln im Kulturausschuss - Raddatz befürchtet Liquidation des Schauspiels
Vor der Ratssitzung, in der über Kürzungen für die Oper und das Schauspiel abgestimmt wurde, lieferten Kulturpolitiker einander eine hitzige Debatte.
Von Martin Oehlen
Das hat der Kulturausschuss des Kölner Rates noch nicht gesehen: Alle abkömmlichen Angehörigen der Bühnen der Stadt Köln, insgesamt wohl an die 200 Personen, drängten gestern in den Vortragssaal des Römisch-Germanischen Museums, wo die Kulturpolitiker über die Zukunft der Bühnen entscheiden sollten. Feuerpolizeilich war das zwar völlig unkorrekt, aber kulturpolitisch höchst eindrucksvoll: „Eine machtvolle Demonstration“, wie der Ausschuss-Vorsitzende Franz-Josef Knieps (CDU) bekannte. Der öffentliche Druck sorgte auch dafür, dass die Debatte um die neuen Sparvorgaben für die Bühnen und die Festschreibung eines künstlerischen Budgets für die Oper nicht hinter verschlossenen Türen geführt wurde.
Anlass für diesen Auflauf - eine Stimme sprach gar von „Chaos“ - war die Beschlussvorlage für den Rat, die dieser in seiner nachfolgenden Sitzung mit den Stimmen von CDU und Grünen annehmen wollte. Darin werden die Verträge mit Christoph Dammann als Opern-Intendant und Markus Stenz als Generalmusikdirektor geregelt, wozu die Festsetzung eines künstlerischen Budgets für die Oper gehört. Zugleich wird den Bühnen von 2005 bis 2007 eine weitere Sparauflage in Höhe von jeweils 3,5 Millionen Euro gemacht.
CDU und Grüne erhielten für diese Vorlage heftige Kritik von der SPD, aber auch vom Geschäftsführenden Intendanten Peter F. Raddatz, vom Schauspiel-Intendanten Marc Günther und vom Personalrats-Vorsitzenden Andreas Hupke. Die starke Kulisse beförderte zudem die Emotionen: „Herr Raddatz, da müssen Sie gar nicht so lachen!“, forderte etwa Grünen-Politiker Peter Sörries. Und zum Lachen war ja wirklich niemandem im Saale zumute. Vier Punkte waren es vor allem, die ein ums andere Mal mit spürbarer Empörung vorgetragen wurden.
Erstens: Der Dringlichkeitsbeschluss des Rates vom 11. August hat kein halbes Jahr Bestand gehabt, was die Verlässlichkeit der schwarz-grünen Politik, so die Kritik, erheblich in Frage stelle. Ulrich Wackerhagen von der FDP forderte: „Wir brauchen Rechtssicherheit - der Rat mehr noch als der Kulturausschuss.“ Darum könne es nicht angehen, dass bar jeder Transparenz Zusagen an die Intendanten Raddatz und Günther gebrochen werden. Er habe es noch nie erlebt, dass ein Konsens, wie er zwischen den Kulturpolitikern geherrscht habe, innerhalb von wenigen Tagen zu Scherben gegangen sei. „Das ist das Gegenteil von Verlässlichkeit“, stellte Franz Irsfeld von der SPD fest. Wenn ihn ein Gebrauchtwagenhändler „behumse“, sagte Intendant Günther, dann sei das schlimm, wobei er nichts gegen Gebrauchtwagenhändler gesagt haben wolle. Aber wenn der Rat der Stadt das mit einem mache - ja, was das bedeutet, wollte Günther dann gar nicht mehr in Worte fassen.
Zweitens: Plötzlich müssen die Bühnen nun doch vom Jahr 2005 an zusätzlich sparen, obwohl für die Oper das Jahr komplett und für das Schauspiel bereits bis zum Sommer vertraglich fixiert ist. Die Höhe der Sparforderung ist laut Günther ein „betriebswirtschaftlicher Dilettantismus“ - es könnten einfach keine 3,5 Millionen Euro im Jahr 2005 gespart werden. Die Verträge seien geschlossen. Überdies fahre das Haus sowieso am Rande der Betriebssicherheit, so dass auch nicht am Unterhalt gespart werden könne. 3,5 Millionen Euro - das bedeutete, dass er auf 100 Stellen verzichten müsse, die er gar nicht habe. Für Raddatz steht fest: Hier werden Existenzen vernichtet, hier soll das Schauspiel liquidiert werden. Andreas Hupke vom Personalrat: „Wir haben Angst vor der Zukunft.“
Drittens: Die neuen Sparvorgaben für die Bühnen sind, wie Sozial-Dezernentin Ursula Christiansen in Vertretung der erkrankten Kultur-Dezernentin Marie Hüllenkremer bestätigte, unter Umgehung des Kulturdezernates beschlossen worden. Zudem war an diesem Gespräch nicht der zuständige Geschäftsführende Intendant Raddatz beteiligt. Richard Blömer, kulturpolitischer Sprecher der CDU, bedauerte im Ausschuss, dass eine solche Beteiligung versäumt worden sei.
Viertens: Eine „Kannibalisierung“ der Kultur - ein Wort, das Franz Irsfeld von der SPD einführte und das mehrfach aufgegriffen wurde - wird befürchtet. Indem die Oper, aber nicht das Schauspiel eine feste Zusage für das künstlerische Budget erhalte, werde, so die Kritik von Andreas Hupke, das Schauspiel zum „Loser“ degradiert. Außerdem: „Es gibt keine Trennung von Kunst und Nicht-Kunst an den Bühnen - wir sind, vom Pförtner bis zum Vorderhaus, ein Gesamtkunstwerk. Und dafür werden wir weiter kämpfen.“ Nach Ansicht von Marc Günther, dessen Erregungsgrad für seine Verhältnisse enorm hoch war, ist es eine außerordentliche Grausamkeit, zwei Sparten solchermaßen gegeneinander aufzuhetzen: „Es ist schlimm, auf diese Weise Zwist in das Haus zu tragen.“ Zwar erklärte Peter Sörries von den Grünen, dass er sich nicht als „Spaltpilz“ abstempeln lasse. Gleichwohl war der Effekt der Vorzugsbehandlung für die Oper auf Anhieb erkennbar: „Ich frage dich, Christoph Dammann“, hob Intendant Raddatz in der Sitzung öffentlich an, „war diese Vorlage mit dir abgestimmt?“
Der designierte Opernintendant, dem zu einer Antwort im Ausschuss nicht das Wort erteilt wurde, sagte dazu dieser Zeitung: „Die Kürzungen, die in der Vorlage stehen, stehen nicht in den Verträgen von Markus Stenz und mir drin - und ich hätte einen solchen Vertrag nie unterschrieben.“ Die Festschreibung eines künstlerischen Budgets wertet er als Verhandlungserfolg; auch geht er davon aus, dass er über dieses Budget unabhängig von Raddatz wird verfügen können, selbst wenn er diesen Betrag nicht als „sakrosankt“ bezeichnet. Für ausgeschlossen hält er hingegen die Möglichkeit, die geforderten 3,5 Millionen Euro im Jahre 2005 einzusparen; auch für die Folgejahre seien diese Sparvorgaben unerträglich hoch.
Dammann bedauert sehr, dass „viel Porzellan zerschlagen“ worden ist. „Wenn jetzt jeden Tag Krieg herrscht, dann können Markus Stenz und ich nicht arbeiten.“ Daher baut Dammann darauf, dass Stenz und er sich sehr bald mit Raddatz und Günther an einen Tisch setzen werden. „Wir dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen.“ Klar sei für ihn, dass die Oper nicht auf Kosten des Schauspiels geführt werden könne. Die Verträge, so Dammann, werden Stenz und er unterzeichnen - das sei mit dem Anwalt so abgestimmt.
CDU und Grüne erklärten in der Ausschuss-Sitzung einmütig, keine Kultur-Einrichtungen schließen zu wollen. Doch müsse man jetzt die nächsten zwei bis vier Jahre überstehen, ehe man wieder durchatmen könne. „Wir würden gerne viel mehr für die Kultur ausgeben“, so Sörries, „doch es klappt nicht mehr.“ Aus diesem Grund wollten CDU und Grüne von ihrer Einigung nicht abweichen. Das unmittelbar betroffene Publikum vernahm dann noch vom Vorsitzenden Knieps: „Ich habe großes Verständnis dafür, dass Sie kein Verständnis für unsere Entscheidung haben.“
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