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05.09.2003

Kölnische Rundschau

Pressespiegel

"Wo soll denn da der Tabubruch sein?“

Guido Westerwelle, MdB
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Guido Westerwelle, MdB
Warum sich Guido Westerwelle für ein ungewöhnliches Toleranz-Plädoyer stark macht

In unserer Serie über Lese-Vorlieben von Politikern spricht Norbert Wallet mit dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle über den Roman einer seltsamen Wohngemeinschaft.

Frage:Herr Westerwelle, worüber reden wir?

Westerwelle: Über das Buch des amerikanischen Autors Jonathan Ames: „Henry und Louis“.

Frage: Eine - sagen wir - ungewöhnliche Geschichte. Louis hat eine Vorliebe für Frauenkleider, verliert seinen Job als Lehrer und geht nach New York.

Westerwelle: Ich finde schon den Start großartig. Wie Louis bei der Anprobe des Büstenhalters einer Kollegin ertappt wird. Das ist ein so großartig verrückter Beginn, das man einfach weiter lesen muss.

Frage: In New York landet Louis in einer WG mit dem deutlich älteren Henry, einer Art Gigolo für alte Damen der Gesellschaft.

Westerwelle: Für das Drecksloch, in dem die beiden hausen, ist Wohngemeinschaft die Übertreibung des Jahres.

Frage: Es ist nicht gerade eine flohfreie Zone. Während Henry mit der Akquise freier Mahlzeiten beschäftigt ist, sucht Louis nach sexueller Orientierung. Er geht in Tuntenbars, probiert aus, wie es ist, sich als Frau anzuziehen, hat Sex mit Transsexuellen.

Westerwelle: Das ist schräg. Sehr gut beschrieben. Und wer New York kennt, spürt etwas von der wahren Stimmung dieser Stadt in diesen vielen kleinen Schilderungen. Es wird ja auch ein Kampf ums Überleben in dieser harten Stadt beschrieben.

Frage:Viele Facetten: Henrys täglicher Kampf um Einladungen. Louis’ Gedanken um den älteren Freund, um nächtliche Abenteuer - aber was ist der Kern?

Westerwelle:Der Kern ist der Kampf um Toleranz zwischen Generationen und unterschiedlichen Lebensstilen. Und es geht um das langsame Entdecken von tiefer innerer Zuneigung, ja gegenseitiger Verehrung dieser so völlig unterschiedlichen Personen.

Frage: Und es ist eine Vater-Sohn-Geschichte.

Westerwelle:Genau. Ich habe zum Beispiel zu meinem Vater eine außerordentlich innige Beziehung. Ich kenne noch das Gefühl, als Mitte-Zwanzigjähriger die Eigenheiten meines älteren Herren zu erleben. Später sieht man diese Eigenheiten anders - und erkennt manches wieder in sich selbst.

Frage:Das Buch enthält eine Reihe - sagen wir -expliziter Szenen. Muss man den Leser warnen?

Westerwelle:Nein. Jeder Leser sieht in den TV-Nachtprogrammen Härteres. Kein Grund, die sittlich-moralische Leserschaft zu warnen. Das Buch ist keine Zumutung, sondern ein schieres Vergnügen. Aber da meine Empfehlung bei manchen auch zum Kauf des Buches führen könnte, habe ich ein quirliges gewählt, bei dem man mich später nicht für Leselangeweile verantwortlich machen kann.

Frage:Es führt in Milieus, die für viele fremd, befremdend sind.

Westerwelle:Sind Sie da so sicher?

Frage: Ja, schon. Es beinhaltet Tabubrüche.

Westerwelle:Aber wo soll denn da ein Tabubruch sein? Leute, was lest Ihr denn?! Warum ist zum Beispiel John Irving so genial. Weil er nicht das Normale zeigt, sondern wie verrückt die Welt sein kann. Es gibt doch sehr viele Leser, die nicht den Spiegel ihres Daseins in Händen halten, sondern ihren Horizont erweitern, spannende andere Sichtweisen erfahren wollen. Für diese Neugierigen ist dieses Buch ein geniales Werk, das sie freuen wird. Genau wie ich mich freue, dass jemand den Mut gehabt hat, mir dieses Buch zu empfehlen. Übrigens ganz ohne rote Ohren. Das ist wie in der Kunst: Der eine sucht die Stimulation seiner eigenen Kreativität, der andere hängt den röhrenden Hirsch als ästhetisches Abbild einer sauberen, schönen Welt übers Sofa.

Frage: Sie sammeln selbst Kunst.

Westerwelle:Und ich garantiere Ihnen, nur von der ersten Sorte. Im übrigen: Das Buch ist sensibel erzählt. Selbst die expliziteren Passagen sind zwar deftig, aber nie peinlich oder pornografisch.

Frage: Louis schwankt zwischen Scham, Neugier, der Angst vor Entdeckung. Dieses heikle Ungleichgewicht ist ihm ein wichtiges Thema. Am Ende wird es ausgeglichen durch Henrys Verständnis.

Westerwelle: Von dem er erwartete, dass er ihn mit Schimpf, Schande und Verachtung hinausschmeißt.

Frage:Wie empfinden sie die Stimmung des Buches?

Westerwelle:Lebensbejahend, fröhlich. Es sagt: Lebe Dein Leben. Vertraue den Menschen und bringe deinem Gegenüber dieselbe Toleranz entgegen, die du für dich erwartest. Was Louis an Irrungen erlebt, von denen er nicht glaubt, dass Henry sie ertragen könnte - das alles spiegelt sich in Henrys Zerrissenheiten.

Frage: Mit der Wahl eines Buches innerhalb dieser Serie verbindet sich immer eine Botschaft. Welche ist Ihre?

Westerwelle: Aktive Toleranz! Nicht im Sinne gleichgültigen Ertragens des Andersseins, sondern dass das Anderssein des Anderen eine Bereicherung des eigenen Lebens ist.


Jonathan Ames: Henry und Louis. Roman, Europa Verlag, 446 S., 24,90 Euro.

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