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04.04.2016

Kölner Stadt-Anzeiger

Pressemeldung

„Guido, Du wirst sehr fehlen“

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Alexander Vogel von der Westerwelle-Foundation vor St. Aposteln
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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Alexander Vogel von der Westerwelle-Foundation vor St. Aposteln
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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Alexander Vogel von der Westerwelle-Foundation vor St. Aposteln
In der Kirche St. Aposteln wird die Trauerfeier für Guido Westerwelle zu einer Lehrstunde des Respekts
Von Jochen Arntz

Es gibt nicht viele solcher Stunden, solcher Momente, in denen die alte Bonner Republik und das Berliner Machtzentrum sich zu dem vereinen, was dieses Land ausmacht - immer noch. Aber an diesem zunächst noch kühlen, sonnigen Morgen in Köln, in der Kirche St. Aposteln, direkt am Neumarkt, da hat das Gedenken an einen früh verstorbenen Menschen eine solche Stunde möglich gemacht.

Das Gedenken an einen Menschen, der zu Lebzeiten gar nicht als ein Vereiniger bekannt war, der polarisiert und auch gefordert hat. Doch nun, in dieser Trauerstunde für Guido Westerwelle, den Mann, der aus Bonn nach Berlin und in die Welt ging, ist das ganze Deutschland zu sehen. Da sind die Spitzen des Staates, Bundespräsident Joachim Gauck, der Bundestagspräsident Norbert Lammert, und die Kanzlerin - sie hält am Ende im doppelten Licht der Kirchenfenster und der Fernsehscheinwerfer eine derart persönliche Ansprache, deren Ton man nicht oft von ihr gehört hat und hören wird. Sie sagt, dass diese Rede definitiv nicht zu den Reden gehöre, die sie jemals habe halten wollen, eine Rede am Sarg Guido Westerwelles. Und am Ende sagt sie nur noch: „Guido, Du wirst sehr fehlen.“

„Doch ein anderes Mal sollte es nie wieder geben“

Sie erzählt, wie sie Westerwelle noch einmal treffen wollte, wie sie sich noch im vergangenen November verabredet hatten. Wie Westerwelle sich jedoch zu schwach fühlte für das Treffen, wie sie es verschoben, auf ein anderes Mal. „Doch ein anderes Mal sollte es nie wieder geben.“

Für niemanden in Berlin gibt es das mehr, nicht für Innenminister Thomas de Maizière, nicht für Frank Walter Steinmeier, den Außenminister, nicht für die Weggefährten aus der FDP, die Gegner, die Konkurrenten im Bundestag. Doch an diesem Morgen in Köln sind sie alle noch einmal gekommen, auch Gregor Gysi findet spät den Weg in die Kirche, Volker Kauder von der CDU ist schon da, der Altbundespräsident Horst Köhler sitzt in der Kirchenbank.

Und das ist das Rheinland, die Düsseldorfer Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die Verlegerin Isabella Neven DuMont, Prälat Karl Jüsten, der Theologe und Freund seit Westerwelles Jugendtagen in Bonn, der alten Hauptstadt, war. Gemeinsam mit dem evangelischen Prälaten Martin Dutzmann hält Jüsten die Messe in St. Aposteln. Und wer etwas über dieses Deutschland zwischen Bonn und Berlin erkennen will, der hört schon in den Worten von Jüsten und Dutzmann viel darüber, was es ausmachen kann.

Westerwelle war eine Identifikationsfigur

Dutzmann, der Prälat, spricht nicht nur Michael Mronz an, den Mann Westerwelles, er spricht auch zu den Politikern in der Kirche, den Menschen, die mit Westerwelle zusammengearbeitet haben, „unser Gemeinwesen voranzubringen.“ Das sind ungewohnt wertschätzende Worte über Politik, und sie passen auch zu den Formulierungen, die Karl Jüsten, der Freund, über Westerwelle findet. Sie sind weltlich, und sie erzählen von einem Politiker, der bis zuletzt davon überzeugt war, dass Europa denen helfen muss, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Und für den Krieg nie eine Option der Politik war. Jüsten weiß sehr genau, wie Westerwelle war, und er ist auch in der Trauer ehrlich: „Er war für viele eine Identifikationsfigur, und für manche genau das Gegenteil.“

Als Angela Merkel an die Mikrofone tritt, neben den braunen Holzsarg, in dem Guido Westerwelle am Nachmittag auf dem Kölner Friedhof Melaten beerdigt wird, da erzählt sie eine kleine Geschichte vom Empfang zu ihrem 50. Geburtstag. Damals traten Guido Westerwelle und Michael Mronz erstmals öffentlich als Paar auf. Auch das erzählt etwas darüber, wie wohl nicht nur die Kanzlerin dieses Deutschland sehen will, dessen Vertreter sich in der Kirche drängen; in Trauer um einen Mann, den viele erst in seiner Krankheit nicht nur als einen fordernden Politiker sahen, der er ja auch war.

„Die Menschen haben ihr Bild von ihm geändert“, sagt Jüsten, der Weggefährte. „Deutschland hat dann den Menschen hinter dem Politiker erkannt“, sagt die Kanzlerin. Und sie ist ehrlich, auch in diesem Moment. Sie sagt, dass Westerwelle auch sie gelegentlich zur Weißglut bringen konnte, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Doch dann tut sie etwas sehr Berührendes: Sie zitiert Westerwelle, der über sie geschrieben hatte, dass nichts aus ihren Gesprächen, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, je an die Öffentlichkeit gekommen sei - und dann sagt sie in der Kirche den Satz genau wortgleich über ihn. Und wiederholt auch noch die Worte, die er über sie gesagt hatte: „Wir konnten uns aufeinander verlassen.“ Ein Gleichklang.

Ein kurzes Leben nach der Politik

Merkel erzählt in der Kirche, dass Westerwelle schon ein erfolgreicher Nachwuchspolitiker im Westen war, als sie 1990 in der DDR aus der Wissenschaft in die Politik ging. Sie kamen nicht aus einem Deutschland, als sie aufeinander trafen, sie kamen aus grundverschiedenen Leben, und nichts deutete darauf hin, dass sie einst zusammen in Berlin regieren würden - und nichts darauf, dass sie einst an seinem Sarg reden würde, so, wie man sie nur selten sprechen hört.

Nach der Bundestagswahl 2013, als die FDP nicht mehr in der Regierung saß, als Westerwelle nicht mehr Außenminister war, als für ihn ein sehr kurzes, zweites Leben begann, da hielten die Kanzlerin und er Kontakt. „Wir dachten aneinander“, so sagt sie das. Bis zu dem Moment vor zwei Wochen, als Merkel sich auf einen weiteren Gipfel zur Flüchtlingsfrage vorbereitete, und sie die Nachricht erhielt: Guido Westerwelle ist tot. Sie sagt, sie habe es nicht glauben können und nicht glauben wollen, dass Westerwelle dieses zweite Leben nicht vergönnt gewesen sei. Nach der Politik.

Was das Leben ihm wert war, mag man ermessen, wenn man an diesem Morgen die Musik in St. Aposteln hört. Und zwar nicht nur das Lied, das Vicky Leandros schon einmal für ihn zum 50. sang, und das sie nun für die Trauerfeier umgeschrieben hat und auf der Empore singt: „Deine Botschaft an die Welt ist Deine Liebe an das Leben.“

„Er suchte Anerkennung, Liebe und Geborgenheit“

Mehr noch sind es die Opernstücke, die den Ton an diesem Morgen in Köln bestimmen, Stücke, die für Westerwelles Leben stehen sollen, und die immer auch etwas behaupten: Freiheit und Gerechtigkeit, nicht ohne Pathos wie der Freiheitschor aus Fidelio – des Bonner Komponisten Beethoven. Und selbstverständlich der Chor „Flieg Gedanke“ aus Verdis Oper „Nabucco“. Auch so wollte Westerwelle Deutschland sehen, und so wollte sein Mann Michael Mronz das Vermächtnis klingen lassen.

„Er suchte Anerkennung, Liebe und Geborgenheit“, sagt sein alter Freund, der Prälat Karl Jüsten. Vielleicht hat Westerwelle am Ende, als er schwächer wurde, sogar mehr davon bekommen, als er in diesem Moment erwartet hätte. Vielleicht hat es ja auch ihn gewundert, wie sehr die Menschen ihm näher kamen, als er dem Leben entglitt. Und als auch er plötzlich Sätze sagte, die man von ihm nicht kannte, wie in dieser letzten Gesprächssendung bei Günther Jauch, als man noch dachte, Westerwelle könnte es schaffen. „Der Mensch ist Mensch, weil er sich anderen Menschen zuwenden kann“, sagte er da.

Als er es nicht schaffte, hat nicht nur die Kanzlerin, da hat dieses Land in der Kirche St. Aposteln in Köln gezeigt, dass es sich einem früh Verstorbenen mit dem Besten zuwenden kann, das es hat: mit einer Lehrstunde in Respekt. Und die muss ja nicht enden mit dem Moment, als um 12 Uhr 20 Guido Westerwelles Sarg von den Trägern angehoben und hinausgetragen wird.

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